Frank Berberich; pcwelt 04/95
Der PC für jedermann? Bislang ein bloßer Wunschtraum. Noch immer viel zu umständlich sind Bedienerführung und Menüstrukturen heutiger Software. Das soll sich laut Microsoft mit Bob 1.0 für Windows ändern. Kann das neue Programmpaket unter einheitlicher Oberfläche intuitive Bedienbarkeit für die ganze Familie bieten? Lesen Sie selbst ...
Installieren und loslegen, quasi Plug & Play für Software - diese Forderung geistert schon seit der Ankündigung von Windows 3.0 durch den PC-Blätter-Wald. Bis dato wurde sie allerdings noch nie realisiert. Deshalb hat Microsoft Bob 1.0 entwickelt und dieser Tage in den USA präsentiert. Ab Ende März wird Bob dort ausgeliefert und für 99 Dollar an die Familie gebracht. Bei uns soll das Programm ab Frühjahr 96 verfügbar sein.
Die strategische Ausrichtung von Bob liegt klar auf der Hand: Microsoft will künftig auch den immer größer werdenden Absatzmarkt für Heimanwender und Familiensoftware dominieren. Definitiv fest steht, dass Bob auch unter Windows 95 laufen wird, obwohl es sich um eine 16-Bit-Software handelt.
Das Prinzip, auf dem Bob basiert, wirft Fragen auf: Da sollen Sie als Anwender, der bereits Windows 3.1 installiert hat, mit Bob noch eins draufpacken? Eine grafische Benutzerführung als Aufsatz für eine grafische Benutzerführung?
Doch hinter der Huckepack-Software verbirgt sich noch mehr - nämlich ein umfangreiches Programmpaket, das zudem auch multitaskingfähig ist. Sieben integrierte Anwendungen, die nach den Vorstellungen von Microsoft in keinem PC-bestückten Haushalt fehlen dürfen, lassen sich entdecken: Eine Textverarbeitung, eine Adressverwaltung, ein komplettes E-Mail-Modul, ein Finanzplanungs-Programm, ein Haushaltsbuch, ein Terminplaner sowie schließlich ein Quiz, das geographisches Wissen vermitteln will.
Der Aufbau von Bob ist bewusst simpel gehalten: Die Oberfläche besteht aus einem Wohnhaus mit verschiedenen Zimmern. Nach der Installation stehen Sie zunächst vor der Haustür des Familiendomizils. Hier taucht der Hund Rover auf, der Ihnen mittels Sprechblasen zeigt, wo es langgeht. Doch nicht nur Rover steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Insgesamt zwölf possierliche Wesen - vom Fisch bis zum Elefanten -machen Bob zu einem Tierheim.
Um eingelassen zu werden, klopfen Sie mit einem Mausklick an die Pforte und, -Sesam, öffne Dich - schon stehen Sie mitten in einem typisch (amerikanisch) kitschigen Wohn-/Arbeitszimmer. Neben Landhausambiente mit dem obligatorischen Kamin bietet der Raum abendliche Aussichten auf einen See - komplett mit Sonnenuntergangs-Panorama. Eine Menüleiste werden Sie vergeblich suchen - in Bob läuft alles über kontextsensitive und interaktive Dialogboxen.
Dem Prinzip eines Wohnhauses folgend können Sie in diversen Zimmern lustwandeln. Ein Doppelklick auf eine der beiden Türen jeden Raumes gewährt Ihnen Einlass. Vier unterschiedlich eingerichtete Zimmer stehen Ihnen dabei zur Verfügung, die Sie beliebig umdekorieren können. Alle Programme und Einrichtungsgegenstände lassen sich verschieben, kopieren oder bei Platzbedarf auch auf den Sperrmüll befördern.
Da Bob als Software für die ganze Familie konzipiert ist, können Sie Räume als privat deklarieren und auf diese Weise gegen Zutritt Unbefugter sichern. Beim Passwort-geschützten Zugang zeigen sich dem jeweiligen Besucher nur die Zimmer, die er auch betreten darf. Somit lässt sich das Haus individuell einrichten und besitzt bei jedem Bob-Anwender eine ganz eigene Architektur. Eltern können beispielsweise ihre Finanzen mit Bob überprüfen oder planen und das dazu benötigte Checkbuch, das Haushaltsbuch oder den Finanzführer einfach in ein separates Arbeitszimmer verschieben. Dieser Raum ist für die Kleinen dann unsichtbar.
Auch an die Youngsters wurde gedacht: Ein Quiz, in dem es Fragen zu verschiedenen Ländern zu beantworten gilt, gehört zum Lieferumfang von Bob. Der PC-WELT-Redaktion erscheint dieses Edutainment-Spiel jedoch für Kinder unter 12 Jahren als zu schwierig.
Als Produkt für den Massenmarkt muss Bob allen Aufgaben des täglichen Lebens gewachsen sein. Gleichzeitig soll der Anwender aber auch schnell zu brauchbaren Resultaten gelangen, ohne vom Funktionsumfang der Software erschlagen zu werden. Die einzelnen Programmteile leisten im Zusammenspiel in der Tat einiges. Die Textverarbeitung Letter Writer beispielsweise ist spezialisiert auf das Verfassen von Briefen aller Art. Zunächst wählen Sie die Gestaltungskomponenten, die das spätere Schreiben enthalten soll. Das beginnt bei den Motiven für Einladungen oder Dankschreiben und endet bei der Empfängeradresse. So entsteht schrittweise, gleichsam an der Hand von Bob, ein Schriftstück nach Ihren Wünschen.
Hier zeigt sich eine der Stärken von Bob: die Kooperation der einzelnen Programme untereinander. Durch den Einsatz der OLE-Technologie (Objekt Linking and Embedding), der sich an den praktischen Bedürfnissen des Anwenders orientiert, ergänzen sich die Anwendungen in sinnvoller Weise. Wenn Sie Bob beispielsweise nach dem Adressaten Ihres Briefes fragt, können Sie per Mausklick aus der Textverarbeitung heraus das Bob-eigene Adressbuch starten. Hier wählen Sie den gewünschten Empfänger, und die Software übernimmt die komplette Anschrift in den Briefkopf. Zusätzlich druckt Bob Ihnen auf Wunsch noch den Absender und den Adressaten auf Etiketten für den Briefumschlag aus. Der Druckjob schließlich wird im Hintergrund an Windows übergeben. Die gleiche hohe Funktionalität lässt sich an allen anderen integrierten Programmen ebenfalls feststellen.

Bob ist konsequent auf intuitive Bedienbarkeit ausgerichtet. Dabei muss zwangsläufig einiges auf der Strecke bleiben. So ist beispielsweise Letter Writer sicher kein Profiwerkzeug, um lange Fachartikel, wissenschaftliche Arbeiten oder gar Bücher zu schreiben. Briefe aller Art hingegen lassen sich durch die zahlreichen grafischen Elemente phantasievoll gestalten. Aber auch klassische Geschäftsbriefe ohne Schnörkel erstellen Sie mit der Textverarbeitung.
Erstaunlich professionell hingegen wirkt das E-Mail-Modul. Allerdings müssen Sie sich erst bei einem der beiden vorgegebenen (!) Netzdienste-Anbieter gegen Gebühren registrieren lassen, können dann aber vollautomatisch per Modem elektronische Post versenden und empfangen. Eine individuelle E-Mail-Adresse erhalten Sie vom Service-Anbieter - die Endung lautet @BOB. Für 4,95 Dollar pro Monat können die Bob-Anwender untereinander über E-Mail kommunizieren. Gateways zum Internet, zu CompuServe und zu America' Online sollen, so Microsoft, bereits verfügbar sein.

Durch die Vielzahl an Optionen und die akribische Benutzerführung, die Bob bietet, wird die Geduld des Anwenders arg strapaziert. Die Probe aufs Exempel ergab 15 Mausklicks, bis wir dazu kamen, einen Brief zu schreiben.
Ein schwerwiegender Nachteil von Bob ist, dass es sich um ein weitgehend homogenes Gebilde handelt. Zwar lassen sich sowohl DOS- als auch Windows-Programme einbinden, die Funktionalität jedoch geht dann größtenteils verloren. Denn die Verbindung via OLE ist auf die Bob-Komponenten beschränkt. Wenn Sie hier Word für Windows starten, müssen Sie nach wie vor den Adressaten von Hand eintragen oder den Weg über die Zwischenablage gehen.
Auch das Huckepack-Prinzip erweist sich als problematisch. Um Bob einsetzen zu können, müssen Sie natürlich MS-DOS 6.x und Windows 3.x installieren. Bei mehreren geöffneten Bob-Programmen geht auch ein sehr leistungsfähiger Rechner unter Garantie in die Knie, denn Windows muss immer noch im Hintergrund aktiv sein. Das Ergebnis sind zum Teil minutenlange Wartezeiten, bis die grafisch anspruchsvollen Bob-Anwendungen im Multitasking-Betrieb wieder startklar sind. Bei nur einem aktivierten Programm in Bob gehen Windows bis zu 20 Prozent an Systemressourcen flöten.
Auch die Anforderungen an die Hardware sind immens: Selbst auf
unserem 486DX2/66-Rechner mit 8 MB Arbeitsspeicher war Bob fußlahm.
Ein Pentium sollte es also schon sein, und mindestens 30 MB freie
Festplattenkapazität sind auch gefordert.
Trotz seiner guten Benutzerführung dürfte Bob allerdings, aufgrund
der beschriebenen Schwächen, kaum der große Erfolg im Massenmarkt
beschieden sein. Sollte sich Microsoft allerdings entschließen, das
Produkt als eigenständige grafische Benutzeroberfläche - ohne den
Windows-Unterbau - auf den Markt zu bringen, wäre das sicher ein
Schritt in die richtige Richtung.

1: Pforten: Durch Türen oder Symbolen gelangen Sie in die übrigen
Räumlichkeiten des Hauses BOB - insgesamt vier an der Zahl
2: Terminplaner: Weit mehr als ein reiner Kalender - vom
Funktionsumfang eher einem PIM vergleichbar
3: Auf den Hund gekommen: Rover ist nur einer von zwölf tierischen
Begleitern
4: Anlageberater: Der Finanzführer steht Ihnen mit Rat und Tat in
Sachen Geld zur Seite
5: Buchprüfer: Einnahmen, Ausgaben und finanzielle Belastungen immer
im Griff - mit dem Bob-Checkbuch
6: Brieffreund: Letter Writer unterstützt Sie beim Erstellen von
persönlichen und dienstlichen Schriftstücken
7: Haushaltsgeld: Damit es nie mehr knapp wird am Monatsende - dafür
soll das Haushaltsbuch sorgen
8: Statt Briefkasten: Für elektronische Post gut gerüstet ist das
E-Mail-Modul von Bob
9: Gut gehütet: Alle Anschriften und Telefonnummern finden Platz im
Bob-Adressbuch
10: Spaß muss sein: Ein geographisches Quiz bombardiert Sie auf
Wunsch mit Fragen zu allen Herren Länder
11: Höchste Zeit: Da unsere Zivilisation ohne Uhren nicht mehr
auskommt, muss auch Bob einen Zeitmesser bieten
Anbieter: Microsoft, Redmond, USA Fax: 001/206/936 7329 Preis: 99
Dollar
Verfügbarkeit in Deutschland: voraussichtlich im März 1996
Systemvoraussetzungen: mindestens 486DX2/66-PC, 8 MB RAM, 30 MB
freier Festplattenspeicher
Bob 1.0 für Windows soll das Softwarepaket für die ganze Familie sein und die Bedienung des PCs erleichtern. Als Ergänzung für Windows konzipiert, bietet Bob eine auch "für PC-Neulinge leicht verständliche Benutzerführung, weist aber Schwächen im Funktionsumfang und .in der Arbeitsgeschwindigkeit auf.
Frank Berberich; pcwelt 12/94
Microsoft hat aus dem Erfolg gelernt, den seine Kinder-Software in den USA hatte. Ab Mitte 1995 werden alle Produkte für den Massenmarkt mit einer neuen Oberfläche ausgestattet: Utopia
Utopia basiert auf dem Abbild eines Wohnhauses, jetzt bereits zu sehen in der Kinder-Textverarbeitung Creative Writer. Ein Haus mit mehreren Räumen und Stockwerken symbolisiert dabei unterschiedliche Anwendungen und Funktionen. Utopia setzt auf Windows auf und soll unter anderem Applikationen wie den Creative Writer gleich enthalten. Außerdem beschäftigt die Software rund 20 automatische Helfer, so genannte Agenten: Diese kleinen Hilfsprogramme begleiten den Benutzer auf seinem Weg durch die Anwendung und stehen dem Neuling mit Rat und Tat sowie zahlreichen praktischen Beispielen hilfreich zur Seite.
„Utopia ist kein neues Betriebssystem", stellt Microsoft klar. Die Software benötige Windows und stelle ein Modul zur einfachen Benutzung verschiedenster Programme dar. Ein Betatester weiß mehr: Utopia ist die Benutzerführung für Einsteigerprogramme und Online-Dienste wie Teleshopping oder Video-on-demand" (Video auf Abruf). Bislang trug das Online-Projekt bei Microsoft den Codenamen „Tiger". Die Tiger-Entwickler beschäftigen sich ausschließlich mit dem Thema Datenübertragung via Kabel. Utopia wird nun als tragendes Element von Tiger gehandelt. Bislang wurde es ausschließlich einer kleinen Gruppe ausgewählter Branchenkenner in den USA präsentiert.
Ein amerikanischer Insider meint, Microsoft benötige für den Low-End-Bereich dringend eine andere, einfacher strukturierte Benutzerführung als Windows. Der Grund: „Windows lässt sich nicht intuitiv bedienen." Diese Meinung teilen auch zahlreiche deutsche Windows-Anwender. Das ergab zumindest eine Umfrage, die die PC-WELT im Oktober unter ihren Leser zu dem Thema Heimsoftware durchgeführt hat (siehe rechter Kasten: „Was Leser meinen"). Der Tenor der Anwender: Windows ist vor allem für Anfänger und für gelegentliche Benutzer längst nicht so einfach zu bedienen, wie Microsoft vorgibt. Utopia wird für diese Zielgruppen besser geeignet sein.


Aufgrund seiner simplen und plakativen Struktur ist Utopia ebenfalls für Persönliche Digitale Assistenten (PDAs) und andere mobile Systeme im Gespräch.
Auch in Sachen Hardware engagiert sich Microsoft immer mehr. Neben
der bereits verfügbaren Windows-Tastatur will Microsoft eine
„Set-Top"-Box anbieten; sie soll Anfang nächsten Jahres vorgestellt
werden. Das Prinzip ist einfach:
Die Box bietet als zentrale Einheit digitalen Zugang zu allen
Online-Diensten. Wenn es nach Microsoft geht, steht sie bald in
jedem Haushalt und ist mit Servern verbunden, die unter Windows NT
laufen. Als Benutzerführung dieser Box sieht Microsoft Utopia vor.
Zusammen mit Intel und General Instruments arbeiten die Entwickler
aber auch an anderen Oberflächen. Sie tragen derzeit die Codenamen
„Mimosa" und „Lynx". Als Ansatz, der PC-Neulingen und unerfahrenen
Anwendern den Umgang mit dem Rechner erleichtern soll, ist Utopia
sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Anbieter: Microsoft, 85731 Unterschleißheim
Preis: noch nicht bekannt
Verfügbarkeit: Microsoft will Utopia Mitte nächsten Jahres
ausliefern. Mit einer deutschen Version ist nicht vor Ende 95 zu
rechnen.
Utopia ist eine grafische Benutzerführung auf Windows-Basis für Microsofts Consumer-Produkte - einschließlich der Online-Dienste. Die Software ist nach dem Prinzip eines Wohnhauses aufgebaut. Jeder Raum steht für eine Anwendung.