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Lizenz-Rezepte

Windows NT 3.5 Workstation und Server

Peter Siering

Windows NT markiert das obere Ende des microsoftschen Betriebssystem-Defilees. Obwohl die Auguren NT beste Aussichten prophezeit hatten, blieb der große Erfolg bislang aus. So versucht Microsoft erneut, mit taktischen Manövern der neuen Technologie zum Durchbruch zu verhelfen ...

Mit einer `nur´ rund 300 000 Exemplare großen installierten Basis blieb NT hinter den Erwartungen zurück. Nach rund einem Jahr Marktpräsenz schiebt Microsoft nun ein Update nach: die Version 3.5 - bislang unter dem Namen `Daytona´ bekannt. Sie soll, indem sie Workstation- und Server-Variante sauber trennt, mit dem von Microsoft selbst provozierten Vorurteil `Netzwerkbetriebssystem´ aufräumen. Für den Anwender mögen jedoch weniger die Namensgebung und damit einhergehende neue Lizenzierungspolitik interessant sein, sondern eher die Neuerungen, welche die Attraktivität der Version 3.5 gegenüber der Vorgängerin steigern.

In mancherlei Hinsicht darf Windows NT zumindest als sichere `Investition´ gelten: Microsoft hat NT (3.1) vollständig neu entwickelt, das heißt, es schleppt wenig Altlasten mit sich herum. Es ist portabel, also nicht auf Gedeih und Verderb nur einer Prozessorarchitektur verschrieben. Außerdem stützen sich langfristig alle `Visionen´ Microsofts darauf - Windows 95 (Chicago), das `Update´ für die heutige Jedermann-Windows-Version, ist allenfalls ein auf Intel-CPUs angewiesener Lückenbüßer, der die Zeit überbrücken soll, bis NT eine vollständig umgestrickte, objektorientierte Oberfläche erhält.

Lange Wege

Doch der Weg nach `Cairo´ - so der Spitzname für die nächste NT-Generation - ist weit; die eher zögerlichen Fortschritte des `kleinen´ Windows (95) lassen darauf schließen. Man wird wohl nicht vor 96 mit dem NT-Nachfolger rechnen können. Um so attraktiver jedoch erscheint - insbesondere angesichts drohender Verspätungen - der Umstieg auf die neue Version 3.5 von Windows NT. Allerdings kommt das sicher nicht für jeden in Frage, denn die Ansprüche an die Hardware fallen hoch aus, die Vorteile sind indes nur unter Umständen spürbar.

Die ursprüngliche Rechnung, Windows NT löse einmal das jetzige Windows ab, ist nicht aufgegangen - das liegt vor allem an der heute verbreiteten PC-Basis: 16 MByte Hauptspeicher und i486-Prozessor liegen noch deutlich über dem Durchschnittsniveau. Unter diesem Systemausbau sollte jedoch niemand auch nur ernsthaft über den NT-Einsatz nachdenken. Für die derzeit unterstützten RISC-Systeme, mit Mips- und Alpha-CPU, gelten sogar 32 MByte als RAM-Mindestmenge - darunter geht einer NT-Installation relativ schnell die Puste aus, obschon die 3.5er Version im Gegensatz zum Vorgänger 3.1 auf RISC-Maschinen auch mit 16 MByte `arbeitsfähig´ ist.

Rechnet man die eingesetzten Hardware-Ressourcen gegen den Zugewinn auf, so fällt die Bilanz für Windows NT 3.5 zunächst nicht gut aus. Alte DOS- und (16bittige) Windows-Applikationen laufen zwar, aber hinsichtlich der Kompatibilität gilt es Abstriche zu machen, sobald direkte Zugriffe auf die Hardware ins Spiel kommen, zum Beispiel beim Einsatz von Fax-Karten oder proprietären, nicht zu irgendeinem gängigen Standard kompatiblen Streamern. Spezielle Treiber, die das Weiterbenutzen solcher Hardware auch unter NT ermöglichten, liefert derzeit kaum ein Hersteller.

Über die DOS- und 16-Bit-Windows-`Emulation´ hinaus bietet NT natürlich auch seine ureigenen Fertigkeiten an: Microsoft hat die ursprünglichen Windows-Programmierschnittstellen (Win16-API) für Windows NT modifiziert. Ein wesentliches Merkmal gegenüber dem (16bittigen) Bruder liegt darin, dass NT-Programme mit ihrem 32bittigen Speichermodell einander nicht mehr stören können (dank preemptivem Multitasking und geschützten Adressräumen), sondern vielmehr den Gepflogenheiten etwa unter Unix gleichwertig sind.

Rein augenscheinlich unterscheiden sich NT- von normalen Windows-Programmen kaum, einzig ihr `Handling´ vermittelt Unterschiede, die vor allem auf das preemptive Multitasking zurückgehen: beim Formatieren von Disketten lässt es sich flüssig weiterarbeiten und, wenn eine Applikation längere Berechnungen anstellt, laufen die anderen Programme durchaus weiter. Das alles bezieht sich allerdings nur auf `echte´ NT-Programme, nicht jedoch - jedenfalls in derselben Tragweite - auf alte Windows-Programme; unter Umständen arbeiten sie genauso recht und schlecht wie ehedem, können einander beispielsweise blockieren.

Mangelware

`Echte´ NT-Software ist ähnlich wie solche für IBMs OS/2 2.x Mangelware. Das trifft weniger vertikale Märkte, also Software zur Lösung mehr oder minder spezieller Einzelprobleme. Vielmehr fehlt Standardsoftware, zum Beispiel zur Textverarbeitung, Tabellenkalkulation et cetera. Auch eine `Killer-Applikation´, die, durch das Ausschöpfen NT-eigener Fertigkeiten, das Betriebssystem zum Selbstläufer geraten lässt, liegt nicht in Sicht. Dass Microsoft einen Teil der Office-Produkte für NT (Word und Excel) nach über einem Jahr nunmehr nahezu fertiggestellt hat, dürfte kaum ausreichen.

Auch wenn zunächst vieles gegen einen NT-Einsatz spricht, gibt es durchaus Gründe dafür: Der wichtigste mag die Gesamtstabilität des Systems sein. Windows NT 3.5 lässt sich von keinem noch so großen Malheur innerhalb ausgeführter Software kompromittieren, eher schon wirft es diese aus dem Speicher; Programme, die direkt Dienste der Hardware oder des System-BIOS, etwa für Festplattenzugriffe, beanspruchen, kommen erst gar nicht zum Zug. (Damit verbaut sich Windows NT andererseits jedoch den Rückgriff auf altbewährte DOS-Utilities, etwa Nortons Disk-Doktor.)

Aber auch auf niederem System-Niveau, etwa bei Netzwerkzugriffen, kann man NT nur Stabilität attestieren. Meldet sich etwa ein Netware-Server ab, zu dem eine Verbindung besteht, zeigt es sich davon weitgehend ungerührt - Unix-Fans oder Jünger anderer `großer´ Betriebssysteme mögen darüber schmunzeln, da derartiges für sie selbstverständlich ist. Für den geplagten Windows-Umsteiger stellt es jedoch ein ernstzunehmendes Argument dar.

Für den heimischen PC von eher geringer, für den alltäglichen Büroeinsatz jedoch von großer Bedeutung sind die Sicherheitsmechanismen NTs: es unterscheidet grundsätzlich Benutzer, die sich, bevor sie ein NT-System benutzen können, mit ihrem Namen und einem Passwort anmelden müssen. Je Benutzer verwaltet NT einen eigenen Satz von Einstellungen, der von einfachen Dingen wie Environmentvariablen, Suchpfaden und so fort reicht bis hin zu einem eigenen Satz von Gruppen im Programmanager und Einstellungen je Anwendungsprogramm und Benutzer.

`Wasserdicht´ werden die Sicherheitsmechanismen durch ein spezielles Dateisystem, das den Zugriff auf Festplatten regelt; Microsoft hat es NTFS getauft. Das NT-Dateisystem greift auf die Benutzerdaten zurück, um zum Beispiel einzelnen Benutzern auf Teilbereichen einer Festplatte, etwa einer Datei, nur Leserechte einzuräumen. Außer NTFS arbeitet NT auch mit normalen DOS-Datenträgern (FAT-Dateisystem) und dem OS/2-eigenen HPFS zusammen. Mit der Version 3.5 unterstützten alle diese Dateisysteme auch lange Dateinamen, neuerdings also auch FAT. Die FAT-Lösung für lange Dateinamen indes überzeugt durch ihre Implementation nicht recht. Sie führt die meisten DOS-Utilities etwa zur Defragmentierung derart aufs Glatteis, dass korrumpierte Daten beinahe zwangsläufig die Folge sind.

Windows of Change

Soweit zu den wesentlichen Merkmalen NTs - zurück zur Stunde Null, der NT-Installation. Schon hier fangen die Änderungen gegenüber der Vorversion an: während NT 3.1 mit einer Installationsdiskette und CD-ROM auskam, arbeitet die Version 3.5 nunmehr mit drei Boot-Disketten. Mit ihrer Hilfe startet ein `Mini-NT´ und lädt eine Reihe von Treibern. Das so entstandene System müht sich redlich, die installierte Hardware zu erkennen.

Wer als Netzwerkverwalter für viele Rechner verantwortlich ist, nimmt besser Vorlieb mit einem alternativen DOS- (oder NT-)basierten Setup, das ohne Boot-Disketten etwa auch übers Netzwerk schneller vonstatten geht; dieses Vorgehen entspricht weitestgehend der Installation auf RISC-PCs, die grundsätzlich ohne Disketten auskommen.

Insgesamt ist die Liste der von NT von Haus aus unterstützten Hardware schon bei der Version 3.1 beachtlich lang gewesen. Andererseits ist dies natürlich unumgänglich, denn, da NT ein völlig neues Betriebssystem ist, lässt sich (im Gegensatz zum zukünftigen Windows 95) kein alter (Windows-) Treiber weiterverwenden. NT 3.5 ergänzt die Treiberpalette nochmals, speziell, um Gerätschaften für den bislang nur spartanisch unterstützten PCI-Bus. Erfreulich ist außerdem die Fähigkeit, nicht vom Standardlieferumfang unterstützte Harddisk-Controller oder CD-ROM-Laufwerke während der Installation einzubinden - eine Fertigkeit, die IBMs OS/2 noch immer missen lässt.

Die automatische Erkennung der installierten Controller-Hardware hat jedoch Schattenseiten. Auf bestimmten Motherboards (etwa mit VIA-Chipsatz) schlägt sie fehl. Ein erfahrener NT-Installateur hilft sich, indem er einzelne Gerätetreiber innerhalb der TXTSETUP.SIF-Datei, speziell die Einträge für Trantor-Hostadapter und Sony-CD-ROM-Laufwerke, etwa durch Auskommentieren entfernt. Die Version 3.1 reagierte übrigens allergisch auf Fehler beim Lesen der Gerätetreiber von der Boot-Diskette; die Fehler blieben unbemerkt, und das Setupprogramm nahm, ähnlich wie etwa beim VIA-Chipsatz, kommentarlos seinen Abschied.

Wie gehabt bleiben bei der Installation, je nachdem was vorher auf einer Festplatte anzutreffen war, hauptsächlich zwei Optionen zur Koexistenz NTs mit anderen Betriebssystem: entweder verwendet man Microsofts Boot-Menü, das nur zwei Betriebssysteme kennt (meist DOS und NT), oder man spendiert NT eine eigene (primäre) Boot-Partition. Den OS/2-Boot-Manager deaktiviert das NT-Setup. Er lässt sich später aber ohne weiteres wieder in Betrieb setzen; die Integration NTs in den OS/2- oder anderen Boot-Manager bleibt leider ein kniffeliges und gefährliches Unterfangen.

NT-Interview

Üblicherweise geht die NT-Installation problemlos vonstatten, übertrifft vom Komfort her sogar den des kleinen Bruders. Sukzessive fragt der (schon grafische) Teil des Setups benötigte Daten ab. Zur Installation zählt auch die Netzwerk-Software einschließlich einer automatischen Erkennung der Netzwerkkarte, die allerdings nicht bei jeder Hardware klappt; gegebenenfalls heißt es, die technischen Angaben, wie etwa IRQs und Port-Adressen, parat zu halten.

Zusätzlich versucht die Version 3.5, Grafikkarten selbständig zu erkennen. Noch während der Installation hilft sie beim Einstellen der gewünschten Auflösung. Das dazu benutzte und später weiterhin verwendbare Programm zeigt dazu ein Testbild an, das Aufschluss darüber liefert, ob Grafikkarte und Monitor bei der gewünschten Auflösung mitspielen. Ältere NT-Grafikkartentreiber profitieren von den neuen Möglichkeiten jedoch nicht; hier heißt es, auf geeignete Updates zu warten.

Nach erfolgreicher Installation stellt sich NT eigentlich genauso dar wie sein kleiner Bruder, Windows 3.1(1). Der Ausstattungsumfang übertrifft ihn gar. Einige NT-spezifische Utilities sind hinzugekommen. Das, was zu einem eigenständigen Betriebssystem gehört, zum Beispiel Backup-Programm, einfache Editoren und Werkzeug zur Konfiguration des Systems, befindet sich an Bord; `produktive´ Software, die direkt zum Arbeiten verführte, darf man nicht erwarten.

Über das ebenfalls bei der Installation mögliche Update von der alten NT-Version gibt es wenig zu berichten: solange es eine Standard-Installation vorfindet, geht eigentlich alles glatt. Leider gilt dies nicht für einen Teil der schon für NT 3.1 angebotenen zusätzlichen Software, zum Beispiel zur NFS-Anbindung an Unix-Netzwerke. Microsoft empfiehlt, derartige Zusätze vor dem Update zu entfernen. Denn während auf Applikationsebene Kompatibilität zur vorherigen Version bestehen soll, gilt dies nicht für alle Gerätetreiber und System-Addons - auch hier wird man auf geeignete Updates der Hersteller warten müssen. Warnen muss man vor dem Express-Setup (ohne große Einflussmöglichkeiten), da es standardmäßig eine bestehende (16-Bit-)Windows-Installation updatet.

Mit der Version 3.5 hält die schon für die erste Release versprochene, bei SGI lizenzierte 3D-Grafikbibliothek OpenGL Einzug. Ob diese auf einigen Unix-Workstations anzutreffende Bibliothek die Entwicklung oder Portierung einschlägiger Grafik-Software auf NT-Basis forcieren wird, erscheint momentan fraglich: die reine OpenGL-Funktionalität reicht dafür wohl nicht. Damit NT 3.5 unter OpenGL auch Tempo an den Tag legt, bedarf es spezieller OpenGL-Treiber für die Grafikkarte. Bis solche verfügbar sind, bleibt OpenGL wohl eher dem weiten, kuriosen Feld der Bildschirmschoner verschrieben.

Von einer weiteren, schon mit NT 3.1 eingeführten Neuerung, bemerkt man im (europäischen) NT-Alltag wenig: Unicode, also der Unterstützung für einen Zeichensatz, der nicht mehr auf 1 Byte pro Zeichen beschränkt ist und damit länderspezifische Eigenarten besser abdecken kann als bisher. Das NT-Dateisystem (NTFS) arbeitet zum Beispiel auf Unicode-Basis. Anwendungen, die Unicode nutzen, wären ein weiteres Argument für NT. Doch das ist momentan die Ausnahme.

Als eindeutig praktisch erweist sich die verbesserte Integration alter (16-Bit-)Windows-Anwendungen unter NT 3.5: nunmehr lassen sich derartige Programme in voneinander getrennten Sessions benutzen. Dadurch sinkt zum einen das Risiko, dass ein abstürzendes Programm andere mitreißt, und zum anderen fallen damit die leidigen Ressourcen-Probleme der Vergangenheit anheim. Im Gegensatz zu IBMs OS/2 beherrscht NT trotz getrennter Sessions alle Disziplinen des Datenaustausches zwischen den (16bittigen) Windows-Programmen bis hin zu OLE 2.0. Sogar der Mischbetrieb 16- und 32bittiger Applikationen lässt NT 3.5 nicht scheitern. Eine Session kostet allerdings rund 1 MByte Hauptspeicher.

Perfekt klappt das Ausführen älterer Anwendungssoftware unter NT dennoch nicht. Beim Start von DOS- und alten Windows-Applikationen kommt es gelegentlich etwa zu nicht erklärlichen, kurzen Aussetzern, bevor NT 3.5 die Programme dann doch ausführt. Genaue Ursachenforschung lässt sich hier kaum betreiben.

Selbst mit maximaler Boshaftigkeit lassen sich kaum `normale´ Programme finden, die unter NT 3.5 gar nicht laufen. Eher schon verweigern einzelne Anwendungskomponenten die Mitarbeit, etwa die spezielle Software, die auf interaktive Art und Weise in die Benutzung einführen soll. All diejenigen Windows-Programme jedoch, die einen virtuellen Gerätetreiber (VxD) bemühen, um etwa einen Debugger zu realisieren oder ähnliches, arbeiten unter NT nicht oder ebenfalls nur unvollständig, so zum Beispiel einige Programmierumgebungen für 16-Bit-Windows.

Gleichfalls in die Gruppe der nicht lauffähigen Applikationen reiht sich die Software ein, die auf exotische Zusätze für 16-Bit-Windows baut, etwa Adobes TypeManager zwingend voraussetzt. Und zuletzt bleibt der erlesene Kreis hochgezüchteter Programme, wie etwa Adobes Photoshop, deren Einsatz allein an der sehr engen Anpassung an 16-Bit-Windows scheitert. Wer auf die Arbeit mit derartiger Software unter NT spekuliert, wartet eindeutig besser auf eine an NT angepasste Version und begnügt sich bis dahin mit dem 16-Bit-Windows-Kompromiss.

Schnupperbetrieb

Wie sich echte NT-Software nun tatsächlich verhält und wie sehr sie von den `besseren´ Fähigkeiten des Betriebssystems Gebrauch macht, speziell der Möglichkeit, mit parallel ausgeführten Threads (Programmteilen) bestimmte Vorgänge zu verbessern oder im Idealfall (auf einem Mehrprozessorsystem) zu beschleunigen, bleibt abzuwarten. Einen grundsätzlichen Vorgeschmack, wenn auch nur andeutungsweise, liefern die mit NT ausgelieferten Programme und die Excel- und Word-Versionen für NT.

Keines der Programme - soviel sei vorweg verraten - lässt Besonderheiten erkennen. Einzig das bei NT grundsätzlich besser als bei (16-Bit-)Windows gelöste `Eingabe´- und `Multitaskingmodell´, also die strikte Trennung der Programme voneinander, scheint bei allen durch: reagiert ein Programm nicht auf Benutzereingaben oder Mausbewegungen, bleiben die anderen betriebsbereit, sind also nach wie vor bedienbar (das gilt natürlich auch für in getrennten Sessions ausgeführte 16-Bit-Windows-Programme).

Nur an einigen ausgesuchten Stellen bemüht die zu NT gelieferte Software mehrere Threads, zum Beispiel der Datei-Manager beim Suchen nach Dateien oder Formatieren von Disketten. Doch das bleibt die rühmliche Ausnahme - selbst der einerseits `vorbildliche´ Datei-Manager zeigt sich bei weitaus häufigeren Aktionen, beispielsweise dem Kopieren von Dateien, unbenutzbar, obwohl ein zweiter Thread hier sicherlich zur Komfortsteigerung beitrüge. Da sich der eigentliche NT-Lieferumfang ohnehin auf das wichtigste Werkzeug beschränkt, sind dort weiterhin keine technischen Meisterleistungen zu erwarten.

Die naheliegende Vermutung, Microsoft würde mit Excel und Word für NT eine solche abliefern, schließlich stünde dies dem Betriebssystemhersteller gut zu Gesicht, entpuppt sich als Irrtum: beide entsprechen weitgehend ihren 16bittigen Ahnen. Einzig Word bemüht für die Hintergrundverarbeitung von Druckaufträgen einen zweiten Thread. Offenbar liegt selbst Microsoft mehr daran, die Quelltexte der 16- und 32-Bit-Versionen weitgehend identisch zu halten, solange der Markt für die technisch schlechtere Lösung derart groß ist.

Ein weiteres Feld, das Netzwerk, hat der NT-Version 3.1 einen bestimmten Ruf eingebracht, den sie so ohne weiteres gar nicht verdient. Zwar ist NT mit Netzwerkdiensten gut bestückt, doch lässt es sich darauf freilich kaum beschränken. Über die Netzwerkfunktionen jedoch ergeben sich die wichtigen Unterscheidungsmerkmale für die beiden angebotenen Versionen: was einst `Advanced Server´ hieß (NT 3.1), nennt Microsoft nun schlicht `Server´, und die `einfache´ NT-Version wird nunmehr `Workstation´ genannt. Zunächst einmal weisen Server und Workstation eine Menge Gemeinsamkeiten auf.

Im Gegensatz zum Vorgänger (3.1) enthält NT 3.5 grundsätzlich Client-Software für den Zugriff auf Netware-Server. Allerdings unterstützt sie nur Netware 3.x; um auf einen Server mit Netware 4.x zuzugreifen, muss dort die Bindery-Emulation laufen. Wie gehabt gehören einfache TCP/IP-Dienste ebenso wie die Protokollfamilie selbst zum Standardlieferumfang. NetBEUI, einstmals von Microsoft als Standardprotokoll favorisiert, rückt in den Hintergrund: die Regel ist im lokalen Verbund nunmehr das von Novell benutzte und weit verbreitete IPX-Protokoll; IPX hat gegenüber NetBEUI deutliche Vorteile, so ist es zum Beispiel routingfähig, also auch für mittelgroße Netzwerke geeignet; für große, womöglich Weitverkehrsnetze (WANs) empfiehlt Microsoft TCP/IP.

Auf Draht

Kräftig ausgebaut hat Microsoft bei der Version 3.5 den `Remote Access Service´ (RAS). Er dient alleinstehenden Rechnern dazu, bei Bedarf via Modem oder anderer Mittel, etwa ISDN- oder X.25-Verbindungen, Kontakt zu Netzwerken aufzunehmen. Eine RAS-Verbindung unterscheidet sich von einer normalen Netzwerkleitung nur durch die in der Regel geringere Übertragungsleistung. In der Version 3.1 arbeitete RAS nur auf NetBEUI-Ebene, das heißt, ein in ein (NT-)Netzwerk eingewähltes System konnte nur via NetBEUI freigegebene Ressourcen (sprich Drucker und Laufwerke) benutzen. Da sich Microsoft mit TCP/IP- und IPX an etablierte Standards hält, sind mit der Version 3.5 nunmehr auch PPP- und SLIP-Verbindungen über RAS möglich.

Dank der verbreiteten Standards steht dieser Dienst nicht nur NT-Systemen respektive Microsoft-eigenen Netzwerk-Clients offen. Vielmehr lässt sich NT in bereits vorhandene SLIP- und PPP-Installationen integrieren, wie sie etwa in Unix-Netzwerken schon geraume Zeit anzutreffen sind. RAS kann gleichermaßen als Front-End für den Zugriff vom heimischen (NT-)Schreibtisch auf einen Internet-Provider oder das Netzwerk des Brötchengebers dienen. Via RAS gelingt es ferner, über ein Modem auf einen Netware-Server zuzugreifen, der mit dem angerufenen NT-System verbunden ist.

Während sich Workstation und Server in den alten Versionen nur durch die Funktionalität unterscheiden, hat Microsoft in der Workstation-Version nun einschneidende Veränderungen eingebracht: sie akzeptiert nicht mehr eine unbeschränkte Anzahl verbundener Clients, sondern derer nur zehn. Erst die Server-Variante toleriert, theoretisch, beliebig viele Client-Verbindungen. Damit lassen sich mit einer Workstation-Lizenz im Gegensatz zu früher nur noch sehr kleine Netzwerke, etwa aus einigen mit DOS oder Windows für Workgroups ausgestatteten Systemen, bilden.

Wer mehr von seinem Netzwerk erwartet, ist genötigt, eine Server-Lizenz zu erwerben. Für manchen mag die zusätzliche Funktionalität ohnehin den Anstoß geben: der NT Server enthält die Services für den Macintosh (SFM), mit denen ein NT-Rechner als File- und Print-Server für den Mac fungieren kann und die NT-Clients auf Apple-Drucker zugreifen können. Ein Bonbon dieser Module ist die Fähigkeit, von den Macs aus ganz normal PostScript-Ausgaben auf einen nicht PostScript-fähigen Drucker (etwa einen Billig-Laser) zu drucken; allerdings bestehen derzeit noch Schwierigkeiten mit Apples neuesten Grafikerweiterungen (Quickdraw/GX).

Ein NT-Server kann als sogenannter Domain-Controller arbeiten. Er stellt als solcher allen ihm zugeordneten Workstations respektive Clients und Servern eine einheitliche Datenbank mit Benutzerinformationen bereit. (Ansonsten verwaltet jedes NT-System eine eigene Benutzerdatenbank.) Spätestens wenn mehr als zwei NT-Systeme in einem Netzwerk laufen, sollte mindestens eine Server-Lizenz als Domain-Controller eingesetzt werden.

Über die gruppenbildende Funktion des Domain Controllers hinaus birgt die derartige Server-Lizenz die Möglichkeit, Benutzerinformationen einer Domain an eine andere weiterzureichen (Trusten Relationship). Außerdem kann man einen weiteren Server als Backup Domain Controller arbeiten lassen, so dass er, fällt der eigentliche Domain Controller aus, als Ersatz-DC dienen kann. Das Domain-Konzept als solches ist keineswegs neu. Unter Unix stellt es seit Jahren gängige Arbeitspraxis dar.

Auch in bezug auf Festplatten verspricht die Server-Variante von NT 3.5 wie schon der Vorgänger Advanced Server einige Besonderheiten: schon die einfache Workstation-Version kann mehrere Partitionen oder gar (bis zu 32) Festplatten zu einem `Volume Set´ zusammenfassen und deren Gesamtkapazität als eine logische Festplatte zur Verfügung stellen; eine solche logische Festplatte lässt sich sogar im nachhinein ohne Datenverlust vergrößern. Ein Stripe Set, bestehend aus mehreren Festplatten, dient der Performance-Steigerung, indem NT I/O-Zugriffe geeignet über mehrere Platten respektive Hostadapter verteilt.

Für eine höhere Ausfallsicherheit sollen schließlich Stripe Sets mit Parity garantieren, die nur die Server-Version bietet. Diese Art des Stripe Sets verwendet eine weitere Platte respektive Partition (also insgesamt mindestens drei), um dort zusätzlich Paritätsdaten unterzubringen. Fällt eine Platte in einem solchen Stripe Set aus, kann spezielle Software die auf den Festplatten gespeicherten Daten ohne Verluste wiederherstellen. `Mirror Sets´ ermöglichen einen weiteren, aber teureren Weg, indem sie die Daten auf zwei redundanten Festplatten aufzeichnen, gegebenenfalls sogar über zwei unabhängige Hostadapter; auch diese Fähigkeit wohnt nur der Server-Variante inne.

Netware-Kehraus

Deutlicher als bei der letzten NT-Version werden Microsofts Angriffe auf die Novell-Bastion, Netware 3.x: zum Lieferumfang des NT-Servers gehört außer der Client-Software für den Zugriff auf Netware-Server (CSNW) ein Service (so die Microsoft-Terminologie für die dienstbaren Geister NTs), der als Vermittlungsstelle für Netware-Server fungiert (GSNW). Jede Microsoft-Client-Software (DOS-, Windows für Workgroups und andere) kann darüber Laufwerke und Drucker eines Novell-Servers benutzen, ohne dort jemals als Benutzer überhaupt aufzutreten und ohne spezielle Client-Software für Netware zu benötigen.

Novell-Umsteiger soll ein `Migration Tool´ ansprechen, das die wichtigsten `Daten´ eines Netware-Servers (nur 3.x) auf einen NT-Server überträgt - gemeint sind Benutzer- und Gruppeninformationen sowie Dateien respektive Verzeichnisse. Ein Urteil der Qualität schwankt zwischen Werk- und Spielzeug: heutige Netware-Server stellen wohl mehr dar als nur eine große Festplatte mit verschiedenen Rechten für die einzelnen Benutzer (dies immerhin schafft das Migration Tool) - man denke nur an Datenbanken, Fax-, E-mail- und Backup-Lösungen auf NLM-Basis.

Über der Netware-, RAS- und Protokoll-Featureritis hat Microsoft für ein Netzwerkbetriebssystem eher wichtige Dinge, die eigentlich schon für die erste NT-Release geplant waren, erneut aus den Augen verloren: besonders ärgerlich ist dies im Fall von Festplatten-Quoten, also der Beschränkung der Kapazität, die ein Benutzer maximal belegen darf. Netware hingegen kennt sie (allerdings als Volume-Restrictions), so dass derlei Dinge bei einer Netware- nach NT-Migration einfach unter den Tisch fallen.

Immerhin wurde in anderen Netzwerkbereichen nachgebessert: NT 3.5 bietet jetzt DOS-Clients die Möglichkeit zum Remote-Boot. Außerdem versucht Microsoft auch größere Netze zu erschließen. Eine server-basierten Lösung zur Vergabe von IP-Nummern (DHCP) und ein `Windows Internet Name Service´ (WINS) bauen das nach, was unter Unix seit Jahren läuft. Wie gut derartiges funktioniert und ob es mit althergebrachten Dingen wie dem Unix-basierten `Domain Name Service´ (DNS) harmoniert, können nur längerwährende Praxistests erbringen. Zumindest fußen die Verfahren auf den in der Unix-Gemeinde schon lange zum De-facto-Standard avancierten, öffentlich zugänglichen `Request for Comment´-Dokumenten (RFCs).

Die CD mit der Server-Version enthält ferner die gesamte Palette der Microsoft-eigenen Client-Software: sie reicht von DOS über Windows hin zu OS/2 2.x.

Doch ein Freifahrtschein ist das Vorhandensein der Client-Software nicht. Mit NT 3.5 ordnet Microsoft die Art der Lizenzgestaltung neu: je Client heißt es nun eine rund 70 DM teure Lizenz zu erwerben, unabhängig davon, welche Software (insbesondere Betriebssystem) für den Client tatsächlich verwendet wird. Dazu kommt dann nochmals die Server-Lizenz selbst, die in der Regel eine feste Anzahl von Client-Lizenzen beinhaltet.

Interessant daran ist, dass Microsoft bei diesem Lizenzierungskonzept auf die Loyalität der Kundschaft baut. Mitbewerber Novell verkauft die Server-Software in verschiedenen Paketen, die dann jeweils mit einer festen Zahl von Clients zusammenarbeiten und mehr einfach nicht zulassen. Wie groß die Grauzone bei der Microsoft-Strategie nachher tatsächlich sein wird, bleibt abzuwarten.

Frust und Lust

Unabhängig davon, ob NT nun in einem größeren Netzwerk oder nur als Ein-Mann-ein-Platz-System betrieben wird, entstehen Verwaltungsaufgaben. Sie sind spätestens dann nicht zu unterschätzen, wenn mehrere Benutzer sich ein NT-System teilen: der Benutzer-Manager stellt dafür die Grundlage dar. Alle anderen Dinge bauen darauf auf. Insgesamt kann die Verwaltertätigkeit schnell eine Menge Arbeitskraft binden. Microsoft hat alle dafür relevanten Werkzeuge kreuz und quer über das System verteilt.

Beispielsweise finden sich die zum Einrichten des `Remote Access Service´ notwendigen Programme innerhalb der Systemsteuerung, die restlichen Tools zur Verwaltung dieser NT-Fähigkeit residieren jedoch als externe Werkzeuge in einer eigens angelegten Programmgruppe. Ebenso befindet sich nur ein Teil der für den (mitgelieferten) FTP-Server notwendigen Werkzeuge in der Systemsteuerung. Ähnliches findet sich auch an anderen Stellen.

So nimmt es kaum Wunder, dass auch Microsoft ähnlich wie Novell inzwischen ein eigenes Schulungsprogramm aus der Taufe gehoben hat, über das man sich als Netzwerkverwalter zertifizieren lassen kann. Die Verstrickungen sowie Widersprüche innerhalb der verwaltenden Manager-Riege erschweren vieles unnötig. Die zugrundeliegenden Konzepte und die einfache Anwendbarkeit - hat man die richtige Stelle erst einmal gefunden - trösten kaum darüber hinweg.

Zu all der Undurchsichtigkeit gesellt sich dann leider auch noch eine wenig brauchbare Kommandosprache, die kaum über den Horizont von DOS-Batchdateien hinausreicht. Das Automatisieren von bestimmten Aufgaben, beispielsweise das Einrichten vieler Benutzerkonten via Batch-Datei, ist kaum möglich. Die Eleganz und Vielseitigkeit der Unix-Shell-Skripte sucht man vergeblich.

Andererseits möchte Microsoft mit NT sicherlich nicht das nachempfinden, was Unix schon lange kann, sondern darüber hinausgehen. Stellenweise gelingt dies recht gut: das Konfigurieren, Einbinden und Starten von Systemerweiterungen, etwa für weitere Netzwerkverbindungen in Richtung Unix (zum Beispiel NFS), erfolgt über die Systemsteuerung als sogenannter `Service´. Verglichen mit Unix entsprechen die Services den in diversen Skript-Dateien verstreuten Daemonen, die beim Systemstart mit einer Unzahl von Parametern bewaffnet als spezielle Prozesse in Gang gesetzt werden.

Praktisch muten überdies die Fähigkeiten NTs an, derlei Dinge mit dem mitgelieferten Werkzeug übers Netz zu erledigen: der zur Server-Lizenz gehörige Server-Manager eröffnet die lokalen Steuerungsmöglichkeiten für jedes System innerhalb des Netzwerks, etwa für Gerätetreiber (eine Spezialform der Services) und die Services selbst. Eines können jedoch all die schönen grafischen Tools früher oder später nicht mehr verbergen: die Registry, also die eigentlich zugrundliegende Konfigurationsdatenbank NTs, eröffnet weit mehr Manipulationsmöglichkeiten, als die Werkzeuge preisgeben.

Abgesang

Seit der Markteinführung NTs hat Microsoft viele Ecken und Kanten des Produkts geschliffen. So hat die Version 3.5 bei den Emulationsqualitäten gegenüber IBMs OS/2 sicherlich aufgeholt, bringt dank RAS einen gelungenen eigenen Anschluss an den Information-Highway mit, zeigt sich mit enthaltenem Netware-Requester auch Novell zugewandter und überzeugt mit gesteigertem Arbeitstempo. Doch - bedauernswert für `NT-Jünger früher Stunde´ - die vom kleinen Bruder weitgehend unverändert übernommene Oberfläche stellt gewiss nicht den letzten Schrei dar, zumal Microsoft ihr keine Detailpflege mehr angedeihen lässt.

Dennoch, so viel ist sicher: Windows NT 3.5 Workstation stellt eine Alternative für alle diejenigen dar, die von Ressourcenproblemen unter 16-Bit-Windows die Nase voll haben. Bei einem adäquat ausgestatteten Rechner fallen die Performance-Unterschiede gegenüber (16-Bit-)Windows marginal aus. Für Entwickler ist NT 3.5 derzeit ohnehin die einzige Alternative, gerade wenn sie schon jetzt für Windows (womöglich 32-Bit-Software) entwickeln. Die Versorgungslage mit geeigneten, `echten´ NT-Anwendungen dürfte sich in absehbarer Zeit bessern: Windows 95 verspricht auch für NT einen warmen Software-Regen - schließlich ergattert ein Produkt nur das `Windows 95´-Logo, wenn es auch unter NT 3.5 einwandfrei funktioniert. (ps)

Literatur

[1] Peter Siering, Prachtparade, Erste 32-Bit-Applikationen für Windows NT von Microsoft, c't 11/94, S. 24

[2] Peter Siering, Systeme mit Zukunft, Alpha 21064, Mips R4400, Pentium und PowerPC 601 im Vergleich, c't 12/93, S. 148

[3] Peter Siering, Big & Chic, Die Technik von Nextstep, OS/2 2.1 und Windows NT, c't 4/94, S. 116

Workstation und Server im Vergleich

  WS Server
eingehende RAS-Verbindungen 1 256
Netware-Shell/Requester (CSNW) Ja Ja
Netware-Gateway (GSNW) Nein Ja
maximale Anzahl von Client-Verbindungen 10 kein Limit
Services für den Macintosh Nein Ja
Server-Verwaltungswerkzeuge Nein Ja
DHCP-Server (automatische IP-Nummervergabe) Nein Ja
Windows Internet Name Server Nein Ja
Remote-Boot-Service (für DOS-Clients) Nein Ja
Client-Software (DOS, Windows etc.) Nein Ja

 

Windows NT und RISC

Eine wesentliche Eigenschaft NTs ist die Portabilität. Microsoft hat das Betriebssystem von vornherein so ausgelegt, dass es auf den verschiedensten Hardware-Architekturen laufen kann. Eine ansehnliche Reihe von Plattformen, auf denen die derzeit erhältlichen Versionen anzutreffen sind, zeigen, dass dies kein leeres Versprechen Microsofts war: neben Intel ist NT derzeit für RISC-Systeme mit Mips- und Alpha-Prozessor erhältlich. Weitere NT-Versionen kündigen sich bereits an, so noch vor Ende 94 eine für den PowerPC.

Die `Portabilität´ betrifft zum einen das Betriebssystem als solches, zum anderen aber auch die Software, die darauf läuft: alle Plattformen haben eine einheitliche Programmierschnittstelle, das heißt, ein Entwickler muss seine Programme `bloß´ für die verschiedenen Prozessortypen kompilieren, um sie dort auszuführen. Klar wird daraus aber auch, dass eine NT-Alpha-EXE-Datei nicht (binär-)kompatibel zu einer solchen für Intel-NT sein kann, dort also nicht ausführbar ist.

Zum Ausführen alter DOS- und 16bittiger Windows-Software auf RISC-Systemen bedient sich NT eines Emulators. Er übersetzt die eigentlich für Intel-CPUs gedachten Befehlsfolgen in geeignete Kommandos des jeweiligen Ziel-Systems (etwa Alpha oder Mips). Dieser Übersetzungsvorgang kostet natürlich, trotz rechnerisch höherer Rechenleistung der RISC-Systeme, Zeit. Im Vergleich zu herkömmlichen Intel-Systemen, auf die die Software eigentlich zugeschnitten war, schneiden die RISC-PCs durchweg schlecht ab.

Mehrwert

Außerdem deckt die Intel-Emulation auf RISC derzeit nur den Befehlssatz des 80286-Prozessors ab. Gegenüber der Intel-basierten NT-Version, welche den kompletten Befehlssatz des i386 ff. abdeckt und ohne nennenswerte Verzögerung ausführen kann, geraten die RISC-PCs also in den Rückstand. Die Liste der Produkte, für die sich ein RISC-PC dank beschränkter Emulationsfähigkeiten disqualifiziert, umfasst recht prominente Windows-Programme, unter anderem die gängigen Programmierumgebungen und viele bekannte Grafikprogramme.

Lohnenswert erscheint ein Umstieg auf einen RISC-PC unter Windows NT erst, wenn tatsächlich Software verfügbar ist. Mit Microsofts Excel und Word, die Microsoft für wenige Wochen nach NT 3.5 für einige RISC-Systeme offiziell angekündigt hat, scheint sich einiges zu regen. Damit wird RISC und NT auch für Anwender interessant. Das wiederum könnte dem bislang eher trägen RISC-Markt neue Impulse verschaffen, denn bislang galten die RISC-PCs für NT, so die Alpha-PCs von Digital (DEC), verglichen mit Intel-PC als zu teuer.

Dass im RISC-Lager (zum wiederholten Mal) Bewegung aufkommt, lässt eine Reihe von Produkten und Ankündigungen erkennen: Mips Technolgies (MTI - der aus der Firma Mips hervorgegangene Technologie-Spross von SiliconGraphics) hat mit dem UltraP-Modul ein Serienmuster vorgestellt, das Pentium-Systeme in R4600-basierte RISC-PCs verwandelt. Und Digital will im November eine neue Generation von Alpha-basierten Systemen von der Workstation bis hin zum mit mehreren Prozessoren bestückten Server vorstellen. Allen gemein ist als Erweiterungsbus übrigens PCI.

Vernunftwidrig

Microsofts Strategie, alle Aufmerksamkeit zunächst dem Jedermann-Windows (Windows 95) angedeihen zu lassen, scheint paradox: einerseits existiert eine stabile Betriebssystemgrundlage (NT) mit eher liebloser Oberfläche, auf der anderen Seite arbeitet man fieberhaft daran, für eine neugestaltete Oberfläche eine Unterlage zu stricken, die vor Kompatibilitätskompromissen nur so strotzen und deshalb wohl niemals so stabil laufen wird, wie NT es heute tut - eine klare Empfehlung für diejenigen zu geben, die an Windows `festhalten´ wollen, fällt deshalb schwer.

Rein technisch ist klar: Betrachtet aus der Perspektive der Anwendungen und damit der Benutzeroberflächen, sind Windows 95 und NT 3.5 einander ähnlich, denn beide nutzen eng verwandte Programmierschnittstellen. Das aber heißt, dass allein politische Erwägungen Microsofts für die `bevorzugte Behandlung´ des technisch schlechteren Ansatzes verantwortlich sind. Überhaupt scheint Politik im Big Business immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Anders ist der Umschwung des microsoftschen Lizenzierungsgebarens bezogen auf das Netzwerk nicht zu verstehen.

c't 8/95 Seite 82

Peter Siering

Schmucklose Perle

Windows NT 3.51

Noch bevor Microsoft Windows 95 fertig stellen konnte, erscheint dieser Tage erneut ein Update für Windows NT: die Version 3.51 glänzt mit vielen Detailverbesserungen und zeigt darüber hinaus erste Ambitionen in Richtung einer neuen Oberfläche.

Windows NT als High-End-PC und -Serverbetriebssystem wird von Microsoft momentan eher stiefmütterlich behandelt, sollte man meinen. Doch gemessen an der Zeit hat es deutlich schneller eine gewisse Reife erreicht, als sein viele Jahre eher gering beachteter 16bittiger Vorgänger, Windows 1.x ff. Schon der NT-Version 3.5, an der die Entwickler gegenüber ihrem Vorläufer 3.1 einiges optimiert hatten, war diese Ausgereiftheit zu attestieren. NT 3.51 setzt dem jetzt dank einiger neuer Features noch einen drauf.

Die inneren Werte NTs, also die Architektur et ceterea, sind über Zweifel weitgehend erhaben. Ganz im Gegenteil jedoch stellt die Oberfläche dankbare Zielscheibe für allerlei berechtigte Kritik dar. Sie genügt nach wie vor dem einstigen Vorbild Windows 3.1. Die dort anzutreffende Arbeitsteilung zwischen Datei- und Programmanager gipfelt unter NT gar in einer ganzen Reihe verschiedenster Manager für diese und jene Aufgabe; speziell Systemverwalter haben darunter zu `leiden´ (siehe auch Seite 122).

Späte Erfüllungen

Fast schon Microsoft-Strategie scheint es zu sein, Dinge für eine Version zu versprechen und sie erst in der nächsten einzulösen: bezogen auf NT 3.51 gilt das für die Dateikompression, die das NT-Dateisystem (NTFS) nunmehr beherrscht, die aber eigentlich schon für die Version 3.5 in Aussicht gestellt war. Auf eine kommende Version muss warten, wer seinen NT-Server gleichzeitig als IPX-Router betreiben will - NT 3.51 kann das jedenfalls noch nicht (wie einst in c't behauptet). Auf Wunsch bleiben jetzt immerhin Einträge in der IP-Routing-Tabelle über einen Systemneustart hinweg erhalten.

Die Dateikompression funktioniert nur auf NTFS-Datenträgern und arbeitet für die restliche Software unmerklich. Im Mittel darf man wohl mit einer Kompressionsrate von bis zu 1:1,5 rechnen. Ganz ohne Performance-Einbußen kommt die Kompression jedoch nicht aus. Weist man die NT-Version von HDBench an, aufs NT-eigene Caching zu verzichten, so bricht vor allem die Schreibrate innerhalb einer komprimierten Testdatei mächtig ein, bei einer DEC 3160 an einem PCI-NCR-Hostadapter und 60er Pentium-CPU auf rund ein Drittel. Im Normalfall, also mit aktiviertem NT-Caching, sind derlei Einbußen durch die Kompression jedoch nicht so stark wahrzunehmen, wenngleich auch hier ein Knick gelegentlich die glatte Cache-Kurve verunziert.

Auf der Hardware-Kompatibilitätsliste (HCL) von NT 3.51 finden sich nun erstmals auch PCMCIA-Erweiterungen. Allerdings ist NT damit dennoch meilenweit von Windows 95 entfernt. Der Einbau entsprechender Komponenten erfordert das erneute Hochfahren des Systems, um die passenden Treiber einzubinden, von Plug & Play oder Socket-Services keine Spur. Zudem spiegelt die derzeit laut HCL von NT unterstützte Hardware nur einen sehr kleinen Ausschnitt der derzeit erhältlichen PCMCIA-Hardware wider.

Die wesentliche Ergänzung stellt das Hinzukommen des PowerPC-Prozessors als vierte potentielle NT-Plattform dar. Wurde diese Prozessorgarnitur bislang zwar in Vorversionen abgedeckt (auf dem Stand von NT 3.5), wächst die Menge der unterstützten Hardware, sprich Grafikkarten, Hostadapter sowie Netzwerkkarten, nunmehr auf ein bei den anderen Plattformen schon länger anzutreffendes Maß an. Der PowerPC ist damit vollwertiges Mitglied in der NT-Gemeinde. Wann indes für den PowerPC erste Versionen der Microsoft-Applikationen, sprich Excel und Word, erhältlich sein werden, ist bisher offen, zumal hier auch noch Versionen für die Mips-Familie ausstehen.

Marginalien

Alle weiteren Ergänzungen, die Windows NT 3.51 dem Benutzer einbringt, sind allenfalls noch Randbemerkungen wert: die Hilfe-Dateien fußen jetzt auf dem hübscheren 95er-Format mit einer Suchmöglichkeit über Wortlisten. Einige Kleinigkeiten betreffen die Möglichkeiten auf der Kommandozeile. Außerdem würdigt Microsoft Intels Pentium-Fehler mit einem Progrämmchen, welches das Vorhandensein besagten Fehlers prüft und auf expliziten Wunsch die Benutzung eines (jeden) Coprozessors abschalten kann. Ferner gehört ein Standarddruckertreiber zum Lieferumfang, welcher den Einsatz der Fax-Lösungen von Delrina unter NT 3.51 gestattet.

Einige wenig sichtbare, aber für Entwickler hocherfreuliche Dinge bringt NT 3.51 unter der Decke mit: erstmals hat Microsoft wichtige APIs, etwa zum Validieren einzelner Benutzer-Accounts (Namen- und Passwortkombination) und zum Erzeugen von eigenständigen Prozessen, unter festlegbarem Account offengelegt. Damit dürften sich über kurz oder lang einige weiße Flecken im NT-Utilities-Angebot schließen, zum Beispiel die Unfähigkeit vieler Remote-Kommandozeilen, Netzwerkverbindungen auf einem eigenen Kontingent von Laufwerksbuchstaben aufzubauen.

Alles in allem lassen die vielen Details ein Update durchaus lohnenswert erscheinen. Die Update-Preise dürften das Ihrige tun - sie fallen für ein eher auf dem Profimarkt angesiedeltes Betriebssystem sehr günstig aus. Den einen oder anderen dürfte sicherlich auch die Shell-Option (siehe Kasten) neugierig machen; hierfür ist das Update Pflicht, denn die `Shell Preview´ arbeitet nicht mit den älteren NT-Versionen zusammen (sie wird übrigens für alle Plattformen also auch Alpha, PowerPC & Co erhältlich sein). (ps)

Windows NT 3.51

Zirkapreise in DM Workstation Server
Update von 3.5 130 175
Vollprodukt 600 1700