Peter Siering
Nachdem Microsofts NT-Ankündigung den 'Highend'-Markt aufgemischt hat, soll demnächst ein neues Produkt namens 'Windows for Workgroups' auch noch andernorts für Unruhe sorgen: ein um ein Peer-to-Peer-LAN erweitertes Windows 3.1, das man mit einem Schuss Groupware verfeinert hat.
'Sparta', so der Code-Name von Windows for Workgroups (WfW) während der Entwicklung, dürfte eines der bisher am besten von Microsoft gehüteten Geheimnisse sein. Doch jetzt ist es raus: im November soll das Produkt erhältlich sein. Voll-ständig in Windows integrierte Peer-to-Peer-Netzwerkfähigkeit lässt Anwender von der Ausstattung anderer Rechner profitieren. Wir konnten uns die letzte Vorabversion ansehen.
WfW basiert auf dem derzeit gängigen Windows 3. l. Einige Informationen, die das Setup-Programm einholt, lassen jedoch Unterschiede erahnen: Es fragt nach Rechner- und Benutzernamen und erkundigt sich nach der Konfiguration einer eventuell vorhandenen Netzwerkkarte. Zusätzlich kann man Module für die derzeit lieferbare Anbindung an Novell- und Lan Manager-Netze installieren; Lan Manager, NetWare und WfW nutzen gemeinsam eine Netzkarte, ohne zu kollidieren, dank besagter Module kooperieren sie sogar.
Nach abgeschlossener Installation, einem Reboot und erfolgreichem Login erscheint sodann das 'normale' Programm-Manager-Outfit. Allein ein paar neue Standard-Anwendungen sind hinzugekommen, andere wurden abgelöst durch Variationen bereits bestehender. Dazugekommen sind Applikationen zum Versenden elektronischer Post (Mail 3.0), zur Terminplanung (Schedule+) und für Gespräche zwischen zwei Bildschirmen und Tastaturen (Chat). Eine eher augenfällige Änderung bietet das Clipboard, das sich zum Clipbook gemausert hat und nun Datenaustausch über Netzwerkkabel hinweg er-möglicht; zudem lassen sich DDE- und OLE-Netzwerkverbindungen realisieren. Jeweils ein Programm zum Beobachten der System- und Netzwerkauslastung runden die Lieferung ab.
Nach einem separaten Icon eines Programms für die Netzwerkadministration sucht man vergeblich. Allein einige wenige elementare Funktionen verbergen sich im Abschnitt 'Netzwerk' der Systemsteuerung. Alle anderen administrativen Arbeitsgänge hat Microsoft dort integriert, wo sie hingehören:
Im Dateimanager legt der Anwender fest, welche Laufwerke oder Verzeichnisse
andere benutzen dürfen; er kann gegebenenfalls nur lesenden Zugriff verordnen
und/oder die Mitbenutzung von der Eingabe eines korrekten Passwortes abhängig
machen. Mit eben diesem Programm bestimmt er aber auch darüber, welche von
anderen Arbeitsstationen bereitgestellten Laufwerke er mitbenutzen möchte.
Bemerkenswert simpel ist die Integration von eventuell im Netz vorhandenen
NetWare-Servern geglückt: Ein Button in den jeweiligen WfW-Dialogboxen bringt
eine weitere auf den Schirm, über die man Verbindungen zur anderen Welt
herstellt. Das Einbinden von Ressourcen, die ein LAN-Manager-Server anbietet,
ist weniger spektakulär; diese erscheinen innerhalb der 'normalen' WfW-Dialoge.
Der Druckmanager nimmt dieselben Aufgaben für die gemeinsame Druckerbenutzung
wahr. Beide Anwendungen arbeiten, heute standesgemäß, mit einer Funktionsleiste,
die beim Dateimanager sogar an eigene Bedürfnisse anpassbar ist.
Wie bereits angesprochen, hat es Microsoft nicht bei der Integration von nackter Netzwerkfunktionalität bewenden lassen: Die mitgelieferten Anwendungen Mail und Schedule+ treten mit dem Anspruch auf den Plan, üblicherweise in Arbeitsgruppen anfallende Tätigkeiten zu vereinfachen: Mail dämmt die Papierflut ein, und Schedule+ hilft bei der Terminfindung und Koordinierung - Microsoft verspricht hier im 'kleinen', was derzeit Anwendungen wie 'Word Perfect Office' und 'Lotus Notes' im 'großen' bieten; sie arbeiten teils systemübergreifend, beispielsweise auf Macs und PCs, oder sogar (örtlich) verteilt; als Name für derartige Anwendungen hat sich Groupware [l, 2] etabliert.
Intern basiert die gesamte Groupware-Punktionalität auf einer noch nicht abgeschlossenen Standardisierung namens 'Message Application Programming Interface' (MAPI). WfW stützt sich deshalb zur Zeit nur auf eine 'Simple MAPI' genannte Teilmenge der Spezifikation. Fester Bestandteil scheint eine Art 'Handshaking' zu sein: Hat eine mit Mail versandte Nachricht ihren Adressaten erreicht und wurde gelesen, so erhält der Versender darüber eine Bestätigung; Schedule+ setzt auf diesen Mail-Fähigkeiten beispielsweise bei der Terminfindung auf.
Es ist leicht vorstellbar, dass das Nachrichtenkonzept nicht recht in das eher lockere Gefüge eines Peer-to-Peer-Netzwerks hineinpasst. Und tatsächlich muss eine Arbeitsstation im Netz als Mail-Server ('Post-Office') fungieren, der nicht dediziert arbeitet, also weiterhin nutzbar bleibt; der Versuchsbetrieb auf einem 33-MHz-386 brachte bei mäßigem Postaufkommen keine nennenswerten Verzögerungen im normalen Windows-Betrieb. Der Mail-Server entspricht sozusagen dem Hauptpostamt einer Stadt, von dem aus die Post sternförmig verteilt wird; wird dieses Amt bestreikt, erhält niemand Post. Die auf jeder Station lokal laufende Mail-Anwendung lagert ausgehende Post allerdings zwischen, bis der Mail-Server die Arbeit wieder aufnimmt, doch bis dahin ruht der 'Geschäftsverkehr'.
Natürlich hat WfW auch Nachteile: Das Ganze läuft im Gegensatz zu den
DOS-Mitbewerbern nur unter Windows;
immerhin kann man aber mit der mitgelieferten Software namens 'Workgroup
Connection' auch unter DOS auf die von einem WfW-Rechner bereitgestellten
Ressourcen zurückgreifen. Mit Hilfe einer textbasierten, abgespeckten
Mail-Applikation bleibt man ferner nicht restlos kontaktlos.
Damit ein System nicht nur nehmen, sondern auch geben kann, muss mindestens ein
80386SX im Gehäuse ticken;
ein 286er kann nur von anderen im Netz profitieren, selbst allerdings keine
Ressourcen bereitstellen. Aus technischer Sicht verwundert das kaum: Schließlich
arbeitet Windows im
286er-typischen Standard-Modus ausschließlich als kooperatives
Multitasking-System; erst der erweiterte 386er-Modus hält mit virtuellen
Maschinen und Gerätetreibern die für ein Netzwerk eigentlich unabdingbaren
Mechanismen vor.
Nach Aussagen von Microsoft können mit WfW bis zu 25 Rechner in einer
Arbeitsgruppe zusammengefasst werden. Unsere Versuche mit wenigen
Arbeitsstationen vermittelten eine ähnliche Performance wie die der bereits auf
dem Markt präsenter Systeme; end-gültige Aussagen kann man jedoch erst anhand
des marktreifen Produkts gewinnen. Microsoft will Windows for Workgroups sowohl
als Vollprodukt als auch einzeln zur Erweiterung bestehender
Windows-3.1-Installationen herausbringen. Die Preise standen bei
Redaktionsschluss noch nicht fest. (ps)
Literatur
[l] Detlef Borchers, Gruppendynamik, Was kann Groupware - wer braucht sie?,
c't9/91, S. 58
[2] Jürgen Wege, Jörg Allmann, Tausendfüßler, Groupware-Paket Lotus Notes,
c't9/91, S. 154
[3] Bert Ungerer, Diät LAN greift an, NetWare Lite 1.0 und LANtastic 4.0, c't
1/92, S. 114
c't 12/93 Seite 62
Jürgen Fey, Ingo T. Storm
Die `Windows-Version des Monats Dezember´ sieht auf den ersten Blick eher zusammengewürfelt aus: eine `bewährte´ Oberfläche, ein neues Netzwerkprotokoll, ein wenig 32-Bit-Software und dazu eine Prise Telekommunikation. Doch wie so oft ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile und räumt mit einigen der Vorurteile gegen `Windows for Playgroups´ auf.
Kommt man auf die derzeitige WfW-Version zu sprechen, so hört man gebetsmühlenartig die gleichen Tiraden gegen ein bislang anscheinend unfertiges Produkt. Zu langsam, keine Unterstützung für wirkliche Groupware, mangelnde administrative Integration et cetera. Dies konnte mit der Zeit auch Microsoft nicht verborgen bleiben. Die neue Version 3.11, die derzeit als Betaversion verfügbar ist, wurde denn auch um essentielle Fähigkeiten erweitert, die man bislang schmerzlich vermisste.
Der jetzt gebotene Support von 32-Bit-Dateizugriffen (für WD-1003-kompatible Controller, also MFM, RLL und AT-Bus, neu für SCSI-Karten mit ASPI-Treiber) erhöht den Durchsatz spürbar. Auch ohne diese Option ist WfW 3.11 jetzt nicht mehr langsamer als das Standard-Windows. Neue Grafiktreiber (SVGA256) und ein 32-Bit-Netzwerk-Layer (NDIS 3) bringen mehr Leistung.
Dass zur erfolgreichen Umsetzung des Workgroup-Konzeptes auch ein entsprechendes Connectivity-Umfeld gehört und dass eine solche Erkenntnis sogar den Weg nach Redmond gefunden hat, darf als kleine Überraschung gewertet werden. Nach eigenen Aussagen sei man jetzt `offener gegen bestehende Industriestandards´.
Neben der Tatsache, dass WfW 3.11 als Client für NT-Systeme bestens geeignet sein soll, lässt die Öffnung in Richtung Novell (jetzt auch auf ODI), Banyan Vines oder DEC Pathworks aufhorchen. Der optionale TCP/IP-Stack arbeitet derzeit 16bittig, ihm soll aber in der ersten Hälfte des nächsten Jahres ein echtes 32-Bit-Device folgen. Auch steht inzwischen die Tür zur Unix-Welt offen. Mit PC-NFS 5.0 von Sun Select wird allerdings nicht das beste NFS-Produkt, aber zumindest das am weitesten verbreitete unterstützt. Die Rechtsstreitigkeiten zwischen Novell und Microsoft haben auf der anderen Seite dazu geführt, dass die Client-Software für NetWare (Netx, Netware-DLLs) nicht mehr beiliegt. Der reine Netzwerktransport hat sich durch einen 32bittigen IPX-Treiber dagegen verbessert.
Möchte man lediglich zwei einsame WfW-Systeme mit der Außenwelt in Kontakt bringen, so ist man auf die serielle Schnittstelle, das Modem oder auch die ISDN-Karte angewiesen.
Über eine einfache serielle Verbindung oder ein Modem kann der WfW-3.11-Client sich in bestehende LAN-Manager- oder Windows-NT-Netze einklinken. Der Remote-Access-Client sorgt hier für die weitestgehend transparente Einbindung, so als hänge der Rechner per `normalem´ Netzwerkkabel´ am Wirt. Die Services beschränken sich allerdings auf das WfW-übliche: File- und Drucker-Sharing sowie Mailaustausch.
Mehr nach `Arbeitsgruppe´ schmeckt da schon die Integration von `Microsoft at Work´ in WfW 3.11. Über diese Art `Netzwerkprotokoll für Büroelektronik´ lässt sich schon jetzt ein Fax-Modem (Class 1 und 2 oder CAS) im ganzen Netz benutzen, und zwar zum Faxen aus einer Druckerwarteschlange heraus genauso wie über Microsoft-Mail.
Mit einer ISDN-Karte dagegen lassen sich WfW-Systeme auch ohne NT-Server verbinden. Von der Berliner Firma ACOTEC hat Microsoft einen Netzwerktreiber eingekauft. In der mitgelieferten Version sorgt er für eine Verbindung zweier Rechner, die vom Treiber nur bei Bedarf hergestellt wird und mit einer Nettodatenrate von 5 KByte pro Sekunde (getestet mit dem ISDN-Controller B1 vom AVM) nicht ganz an das unter ISDN Mögliche herankommt. Außerdem liegt einer der beiden Rechner beim Transfer nahezu völlig lahm. Komfortabler und schneller als eine über Mailboxsoftware oder Laplink-artige Produkte hergestellte Anbindung ist `ISDN for Workgroups´ aber allemal.
Das Vollprodukt von ACOTEC, das separat zu erwerben ist, geht noch einige Schritte weiter. Statt eines `GroupGates´ stellt es ein `TeleGate´ zur Verfügung, über das sämtliche ISDN-Dienste im ganzen Netz zur Verfügung stehen. Da ISDN for WorkGroups auf CAPI (siehe Kartei im letzten Heft) basiert, ist es nicht so stark auf die explizite Unterstützung einer bestimmen Hardware angewiesen wie übliche Netzwerkprotokolle.
Auch den Term Netzwerkadministration füllt WfW 3.11 mit etwas Inhalt. So können jetzt Informationen darüber abgerufen und in einer Audit-Protokolldatei abgelegt werden, welcher angemeldete User (nicht mehr der Rechnername spielt die zentrale Rolle) auf welche Ressourcen zugegriffen hat. Der Netzwerk-Administrator kann Ressourcen (Drucker, Dateisysteme und NetworkDDE), auf die jeder Anwender Zugriff hat, gezielt auswählen. Die Informationen hierzu werden, wie bei `richtigen´ Netzwerken üblich, zentral und verschlüsselt abgelegt - die Sicherheitsmechanismen reichen an Windows NT oder Novell NetWare allerdings noch längst nicht heran.
Insgesamt sind die Zeichen deutlich zu sehen, die WfW 3.11 als Nachfolger von Windows ausweisen. So sollen OEMs das bisherige Bundling mit Windows 3.1 durch WfW 3.11 ablösen. WfW 3.11 selbst lässt sich jetzt ohne Kunstgriffe als Stand-alone-System installieren (Win /N genügt zum temporären Abschalten des Netzwerkes) und soll als das `bessere´ Windows unter die Leute gebracht werden. Der Preis dafür ist die Forderung eines Rechners mit mindestens einem 386er Prozessor und 4 MByte RAM - 32bittige Treiber haben mit 16bittigen CPUs halt so ihre Schwierigkeiten. Zum Ausgleich wird für schwächere Prozessoren ein Workgroup-Addon für MSDOS erhältlich sein, das auch auf XTs laufen soll. Wer schon mindestens einen 386er sein eigen nennt, sollte jedoch gleich das Update auf DOS 6.2 mit einplanen. Nur damit kommen die 32-Bit-Komponenten von WfW 3.11 so richtig zum Zuge. (it)